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Ein Tag oder ein ganzes Leben?

  • jana-welsch
  • 16. März
  • 4 Min. Lesezeit

Gestern hatte ich ein Telefonat mit einer Freundin.So eines von diesen Gesprächen, die irgendwo zwischen ehrlichem Austausch und lautem Nachdenken passieren.


Ich erzählte ihr von diesem typischen Jahresanfang. Von diesem kleinen Tief, das viele Selbstständige kennen. Januar, Februar...die Zeit, in der Menschen vorsichtiger werden mit Geld. In der man merkt: gerade überlegt jeder zweimal, wofür er etwas ausgibt. Kenn ich selbst auch zu gut.


Sie lachte kurz und sagte:

„Ja, klar. Aktuell fühlt sich halt alles wie Luxus on top an.“


Ich verstand sofort, was sie meinte. Dann wurde sie kurz still.


„Aber weißt du, was ich daran irgendwie interessant finde? Dass wir gleichzeitig völlig selbstverständlich bereit sind, für eine*n Hochzeitsfotograf*in unglaublich viel Geld auszugeben.“


Ich musste kurz lächeln, weil ich genau wusste, was sie meinte. Kaum jemand stellt dort die Frage, ob es das wert ist. Kaum jemand sagt: Vielleicht später.


Wir wissen intuitiv, dass dieser Tag einmalig ist. Dass wir ihn erinnern wollen. Dass dieser Bilder wichtig sind.


Und dann sagte sie diesen einen Satz.


„Dabei ist das nur ein Tag. Und eine Familienreportage…das ist dein ganzes Leben.“


Das Gespräch ging danach ganz normal weiter, aber dieser Satz blieb irgendwo hängen. Denn eigentlich sprechen wir hier über dasselbe: Fotografie. Seitdem denke ich immer wieder darüber nach. Nicht über Hochzeiten im Besonderen, sondern über etwas viel Grundsätzlicheres: über den Wert, den wir Dingen geben.


Wert ist ja nichts, das automatisch existiert. Wir vergeben ihn. Manchmal bewusst, oft ganz unbewusst. Ein Abendessen im Restaurant kostet schnell hundert Euro oder mehr. Man sitzt zusammen, bestellt vielleicht noch eine Flasche Wein, unterhält sich, lacht. Ein paar Stunden später ist der Abend vorbei. Niemand würde danach sagen, das sei eine verrückte Entscheidung gewesen. Es fühlt sich einfach normal an.


Ein spontaner Ausflug, ein schönes Wochenende, ein neues Möbelstück – viele dieser Dinge passieren, ohne dass wir lange darüber nachdenken.


Wenn es aber um Fotos unseres eigenen Lebens geht, entsteht plötzlich eine andere Rechnung im Kopf. Dann taucht schnell dieser Gedanke auf: Das ist viel Geld. Dann tauchen Fragen auf.

Brauchen wir das wirklich?

Ist das gerade sinnvoll?

Vielleicht später.


Und ich nehme mich davon gar nicht aus. Wir alle tun das.


Dabei passiert etwas Interessantes, wenn man einmal anders darüber nachdenkt. Ein Abendessen bleibt eine schöne Erinnerung im Kopf, aber Fotos bleiben darüber hinaus. Sie werden angeschaut, weitergegeben, irgendwann vielleicht von den eigenen Kindern entdeckt. Wenn man den Preis einer Reportage einmal herunterbricht, verteilt er sich am Ende auf Hunderte Bilder, auf Jahre des Anschauens, auf Generationen vielleicht sogar. Plötzlich ist der Wert gar nicht mehr so abstrakt.


Vielleicht liegt das eigentliche Missverständnis aber tiefer. Vielleicht haben wir gelernt, Wert immer dort zu sehen, wo etwas selten ist. Ein Hochzeitstag passiert einmal. Deshalb erscheint er uns groß, wichtig, erinnerungswürdig. Der Alltag dagegen wiederholt sich. Ein Dienstagmorgen sieht aus wie ein anderer Dienstagmorgen. Der Küchentisch ist wieder voller Krümel, die Kinder laufen wieder barfuß durchs Haus, jemand verschüttet wieder die Milch.


Und genau deshalb unterschätzen wir diese Momente.


Weil sie sich selbstverständlich anfühlen.


Aber das Leben besteht nicht aus einzelnen großen Ereignissen. Es besteht aus tausenden kleinen Tagen, die sich aneinanderreihen. Aus Blicken, Gesten, Stimmen, Gewohnheiten. Aus der Art, wie jemand morgens in die Küche kommt. Aus dem Lachen am Tisch. Aus den Routinen, die man erst bemerkt, wenn sie irgendwann verschwunden sind.


Man merkt das oft erst viel später. Wenn man alte Fotos anschaut. Wenn man plötzlich wieder das Wohnzimmer der Kindheit sieht oder die Küche, in der früher immer jemand stand. Diese Bilder sind selten perfekt. Sie sind manchmal unscharf, manchmal schief. Aber sie tragen etwas in sich, das man sonst nicht mehr zurückholen kann: ein Gefühl dafür, wie das Leben einmal war.


Und dann denke ich noch an einen anderen Gedanken, den viele sofort haben: Wir machen doch heute sowieso ständig Fotos. Unsere Handys sind voll davon. Das stimmt natürlich. Noch nie wurden so viele Bilder gemacht wie heute.


Aber wenn man diese Bilder einmal genauer anschaut, fällt etwas auf.


Die Kinder sind fast immer darauf. Vielleicht noch der Hund, der Garten, der Kuchen auf dem Tisch. Aber ganz oft fehlt jemand. Die Person, die das Foto gemacht hat. Die Mutter hinter der Kamera. Der Vater, der den Moment festgehalten hat. Die Familie als Ganzes existiert selten in diesen Bildern, weil immer jemand fehlt.


Und selbst wenn man ein Selfie macht...erkennt man darauf wirklich, wie dieses Leben war? Erkennt man darauf, wie du als Mutter warst? Wie du dein Kind angesehen hast, wie du es gehalten hast, wie es sich an deine Schulter gelehnt hat? Ein Selfie zeigt ein Gesicht. Aber es zeigt selten die Beziehung zwischen Menschen.


Was Kinder später erinnern, ist nicht nur, wie jemand aussah. Es ist, wie sich Nähe angefühlt hat. Wie man gehalten wurde. Wie ein Zuhause sich angefühlt hat.


Wenn man irgendwann einmal geht – und dieser Gedanke gehört nun einmal zum Leben – dann hinterlässt man vielleicht viele Dinge. Vielleicht Geld, vielleicht ein Haus, vielleicht Gegenstände. Aber was Kinder wirklich mitnehmen, sind Erinnerungen. Gefühle. Bilder im Kopf.


Und manchmal hilft ein echtes Bild dabei, diese Erinnerungen zu bewahren.


Vielleicht ist das der eigentliche Unterschied zwischen einem großen Ereignis und dem Alltag. Ein großes Ereignis erzählt eine Geschichte über einen bestimmten Moment. Aber der Alltag erzählt die Geschichte eines ganzen Lebens.


Und vielleicht hat meine Freundin genau das gemeint, als sie diesen Satz gesagt hat.


Das eine ist ein Tag.


Das andere ist dein ganzes Leben.

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